Neujahrsempfang – Rolf Richter forderte in seiner Ansprache mehr Zuversicht und Entscheidungsfreude / „Fairer Austausch, gegenseitige Akzeptanz“
BENSHEIM. Optimistisch sollen die Bensheimer ins neue Jahr gehen. Sich Herausforderungen stellen, in dem Wissen, seit Jahren alle neuen und kommenden gemeistert zu haben. Bürgermeister Rolf Richter machte am Sonntag beim Neujahrsempfang in der Fahrzeughalle der Feuerwehr deutlich, dass man in der größten Stadt im Kreis Bergstraße den Blick optimistisch nach vorne richten könne.
Mit viel Zuversicht stellte sich der Rathauschef nach seiner Rede auch einer besonderen Herausforderung. Gemeinsam mit den Blütenweg-Jazzern trug er den Klassiker „What a wonderful world“ von Louis Armstrong vor. Eines seiner Lieblingslieder, wie er bekundete. Solche Einlagen kann man gut finden oder auch nicht – Richter kassierte für seine durchaus mutige Aktion jedenfalls jede Menge Beifall. Auf eine Zugabe wurde dennoch verzichtet.
Mehrere hundert Gäste hatten sich bei der Feuerwehr eingefunden, um gemeinsam auf das neue Jahr anzustoßen. Das Ausweichquartier, wegen der Arbeiten am Bürgerhaus wird man wohl auch 2020 dort aufgeschlagen, präsentierte sich bestens hergerichtet. „Dass man eine Abgasabsauganlage zum Dekorieren verwenden kann, ist für mich auch eine neue Erfahrung“, bemerkte Richter, der sich für die herzliche Aufnahme und die Gastfreundschaft bedankte.
Er nutzte die Gelegenheit, um auf das ehrenamtliche Engagement der Rettungskräfte in Bensheim allgemein und das der Feuerwehr im Speziellen hinzuweisen. Die Brandbekämpfer wurden 2018 insgesamt 499 Mal alarmiert. „Auf sie, wie auf alle anderen auch, können wir uns verlassen. Sie zeigen bei all ihrem Tun eine enorme Einsatzbereitschaft und Entscheidungsfreude“, betonte Richter und leitete damit zum Kern seines Vortrags über.
Wenn es darum geht, Entscheidungen zu treffen, würde er sich auch in anderen Bereichen eine solche Tatkraft wünschen. „Ich bin in das Amt des Bürgermeisters gewählt worden, um Bensheim zu gestalten und fit für die Zukunft zu machen“, betonte Rolf Richter. Nach sorgfältigem Abwägen und unter Beteiligung der Bürger komme aus seiner Sicht bei jedem Projekt der Moment, „an dem eine Entscheidung notwendig wird“.
Dafür stehe er genauso in der Verantwortung wie alle anderen politischen Entscheidungsträger. Ab einem gewissen Punkt bringe es nichts, weitere Beratungsrunden zu drehen. Irgendwann lande man in einer Dauerschleife, die nichts Zukunftsfähiges hervorbringe. „Dann gilt es, das Heft des Handelns in die Hand zu nehmen.“
Bürgerhaus als Negativbeispiel
Als Beispiel für eine zögerliche Vorgehensweise nannte der Verwaltungschef das Bürgerhaus. Unabhängig von Neubau oder Sanierung seien die Kosten über Jahre hinweg enorm gestiegen, weil man die Entscheidung nicht rechtzeitig getroffen habe.
„Ziehen wir daraus unsere Lehren für das Haus am Markt. Irgendwann gelangt man an einen Punkt, an dem alle Argumente ausgetauscht sind.“ Richter verdeutlichte damit erneut, dass es für ihn keinen Weg zurück oder in eine andere Richtung gibt. Die Entscheidung der Stadtverordnetenversammlung, den 70er-Jahre-Bau abzureißen und durch ein neues Gebäude zu ersetzen, „setzen wir konsequent um“.
Er habe oft den Eindruck, dass zu viel Angst und Misstrauen vorherrschen. Dabei brauche es Vertrauen und Zuversicht. Man müsse zu einem fairen Austausch von Argumenten und Ansichten kommen, zu konstruktiver Kritik und gegenseitiger Akzeptanz. Das dürfe im Umkehrschluss aber nicht bedeuten, es jedem Recht zu machen. „Das ist unmöglich.“
Auch wenn er es mit keiner Silbe ansprach, konnte man zwischen den Zeilen schon heraushören, dass die massive Kritik an ihm und verschiedenen Projekten im vergangenen Jahr durchaus Spuren hinterlassen haben. Seine Rede nutzte der 52-Jährige am Sonntag, um seinen persönlichen Entscheidungskompass erneut offenzulegen, ohne seinen Kritikern dabei verbal die Tür zuzuschlagen.
Die Feierstunde diente ihm außerdem dazu, einmal mehr Werbung für seine Heimatstadt zu betreiben. Bensheim wächst, weil sich junge Familien bewusst dafür entscheiden, hierher zu ziehen. „Warum? Weil wir im Vergleich mit anderen Städten besser dastehen“, so Richter.
Die Themen Wohnen und Verkehr bleiben auch 2019 ganz oben auf der Prioritätenliste. Man brauche eine „intelligente Mobilität“, die verschiedene Möglichkeiten biete. Dafür sei das ÖPNV-Netz gerade verbessert worden, das Radwegenetz werde ständig ausgebaut, ebenso wie die Infrastruktur für E-Autos. Um den Wohndruck zu mildern, habe man etliche Projekte auf der Agenda.
Optimismus ohne rosarote Brille, ein Appell für mehr Vertrauen in die Entscheidungsträger und konstruktiver Dialog mit kritischen Stimmen: So startete der Rathauschef in ein Jahr, in dem viele wichtige Entscheidungen anstehen und in Bensheim wieder einige Feste gefeiert werden.
Man darf jetzt schon gespannt sein, wie in einem Jahr die Bilanz von Rolf Richter ausfallen wird.
© Bergsträßer Anzeiger, Montag, 21.01.2019
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