Feuerwehr: Zahlreiche interessierte Zaungäste verfolgten am Samstag die große Inspektionsübung in der Altstadt.
BENSHEIM. Samstagmittag kurz nach 15.30 Uhr. Sirenen heulen, Feuerwehrfahrzeuge rasen mit Blaulicht durch die Stadt. Und auf dem Marktplatz versammeln sich immer mehr Menschen, machen Fotos mit ihren Smartphones und schauen dem Szenario gespannt und aufmerksam zu. „So etwas bekommt man schließlich nicht alle Tage zu sehen. Das ist schon ziemlich aufregend, auch wenn es nur eine Übung ist. Einfach toll, was die Männer und Frauen leisten“, sagt ein älterer Herr, der sein Enkelkind fest an der Hand hält.
Die Freiwillige Feuerwehr Bensheim-Mitte, die ihre große Übung in der Tageszeitung angekündigt hat, stellt alle zwei Jahre in der Öffentlichkeit Können, Schnelligkeit und Einsatzfähigkeit unter Beweis – diesmal an einem besonders prekären Objekt, dessen Zukunft die Gemüter der Bürger erhitzt und dessen beste Zeiten definitiv vorbei sind: dem Haus am Markt.
„Auch wenn das Gebäude abgerissen werden sollte, so wird an seine Stelle doch ein anderes kommen. Außerdem wollen wir an zentraler Stelle demonstrieren, was unsere Stärken sind und dass sich die Bürger im Ernstfall auf uns verlassen können“, begründet Wehrführer Hans Förg die Wahl des „Brandortes“. Natürlich ist auch ein bisschen Eigenwerbung mit dabei, schließlich ist Nachwuchs immer herzlich willkommen.
Qualm wabert aus dem Haus
Tatsache ist, dass alles total echt aussieht. Aus den Fenstern im ersten Obergeschoss wabert an der Vorder- und Rückfront dunkler, beißender Qualm. Die Feuerwehrleute agieren überlegt, schnell, aber nicht überhastet – und professionell. „Absprachen und Koordination sind hervorragend. Die Übung verläuft ruhig und sachlich, das ist gut so“, erklärt Kreisbrandmeister Sven Falter (Wald-Michelbach), der ebenso wie Kreisbrandmeister Volker Steiger, Stadtbrandinspektor Jens-Peter Karn und sein Stellvertreter Thomas Strößinger ganz genau hinschaut.
Bei Einsatzleiter Jürgen Ritz (stellvertretender Wehrführer) und den beiden Abschnittsleitern Peter Borgenheim und Jens Ameis laufen alle Fäden zusammen. Als Brandursache wird ein technischer Defekt angenommen, und zwar dort, wo ursprünglich einmal der Hessische Rundfunk logierte. Dachgeschoss und ehemalige Bücherei werden ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen. Elf Personen, darunter etliche Kinder, befinden sich im verschachtelten Gebäude.
40 Brandschützer der Bensheimer Wehr, zwölf Kollegen einer Löschgruppe aus Heppenheim, 21 Rot-Kreuz-Helfer aus Bensheim und Zwingenberg mit Zugführer Ralf Fasser sowie drei Feuerwehrkameraden aus der Partnerstadt Riva sind vor Ort. Die Italiener, die in die Großübung mit eingebunden sind, sind an ihren roten Helmen zu erkennen. „Wir pflegen ein sehr freundschaftliches Verhältnis zu den Wehren in Riva, Hostinné und Klodzko, aber ebenso zu den Kameraden in unseren Nachbarkommunen“, bekräftigt Ritz.
Im Notfall Trinkwasser sparen
Menschenrettung hat Vorrang, heißt die Devise. Rings um den Marktbrunnen und vor der Stadtkirche positionieren sich nach und nach Tanklöschfahrzeuge, Rüst-, Schlauch- und Atemschutzgerätewagen. Unter anderem ist ein nagelneues Fahrzeug im Einsatz, das im Katastrophenfall zum Schutz der Bevölkerung eingesetzt werden kann und komplett vom Bundesministerium des Inneren finanziert wurde. Es beherbergt im Inneren Schläuche mit einer Reichweite von 20 000 Metern. Noch eine Besonderheit: Um im Ernstfall Trinkwasser zu sparen, wird das Löschwasser zum Teil aus der nahen Lauter unterhalb der Mittelbrücke abgezapft.
Die beiden 30 Meter hohen Drehleitern werden ausgezogen, eine Steckleiter obendrein angestellt, um die Menschen aus dem brennenden Haus zu holen. Die Verletzten werden von Angehörigen der Jugendfeuerwehr gemimt. Teilweise müssen die Feuerwehrleute wegen des dichten Rauchs ihre Atemschutzmasken anlegen. Nach nur wenigen Minuten sind die Brandschützer zu den ersten Personen im Gebäude vorgedrungen, befreien diese und übergeben sie dem DRK zur weiteren Versorgung.
Eine knappe Dreiviertelstunde dauerte das beeindruckende Szenario, das auch Stadtverordnetenvorsteherin Christine Deppert als interessierte Zuschauerin verfolgte. Am Abend trafen sich die Feuerwehrmänner und -frauen im Kolpinghaus zum gemütlichen Kameradschaftsabend.
Wie schnell aus einer Übung Ernst werden kann, zeigte die vorangegangene Inspektion an der Feuerwehrzentrale in der Robert Bosch-Straße. Noch während Jugend und Einsatzabteilung ihr Können unter Beweis stellten, wurde die Wehr zu zwei Einsätzen in die Tannbergstraße und auf die Autobahn gerufen.
© Bergsträßer Anzeiger, Montag, 17.10.2016 © Bild: Funk