FEHLHEIM. Ein wenig überrascht war Rüdiger Lindner schon als seine Frau Martina ihn mit den Armen winkend aus der Carl-Orff-Schule entgegengelaufen kam. Auf der anderen Seite sind für den Wehrführer der Freiwilligen Feuerwehr Fehlheim „solche spontanen Aktionen“ seiner Gemahlin nichts Ungewöhnliches. „Damit muss man bei ihr immer rechnen.“
Diesmal überraschte Martina Lindner ihren Mann in der Rolle der Leiterin der Fehlheimer Grundschule, die der anrückenden Feuerwehr und ihrem Einsatzleiter, Rüdiger Lindner, eine Lagebeschreibung gab. Ihr Name sei Christine Marx „schwindelte“ Martina Lindner, die als Anwohnerin eher zufällig zum Part der Schulleiterin kam. Aus der Schulküche sei ein lauter Knall zu hören gewesen, anschließend habe sich über zwei Stockwerke Rauch ausgebreitet, 25-38 Kinder befänden sich im Gebäude.
Mit Improvisationen vertraut
Martina Lindner als Fastnachterin vertraut mit Improvisation, verrichtete ihren Meldedienst als Christine Marx mit einer der Situation angemessen Aufgeregtheit. Rüdiger Lindner nahm die Information mit einer der Situation angemessen Ernsthaftigkeit zur Kenntnis. Danach nahm die Feuerwehrübung richtig Fahrt auf.
Kurze Zeit später war das Schularial umstellt von neun Feuerwehrfahrzeugen. Neben den Fehlheimer Brandschützern waren Einsatzkräfte aus Langwaden, Schwanheim und Bensheim angerückt. 47 Feuerwehrmänner und eine Feuerwehrfrau machten sich an die Arbeit. Innerhalb von wenigen Minuten waren vier Zweier-Rettungstrupps mit schweren Atemschutzgerät zusammengestellt, der Schulhof war übersät mit Schläuchen und Verteilen, und ständig wurde in großer Eile neues Material herangeführt.
Aus dem ersten Stock winkten Schüler und Mitglieder der Jugendfeuerwehr, die unter der Obhut von Schulleiterin Christine Marx, der echten, ihrer Rettung harrten.
Ziemlich viel Action in den ersten Minuten auf dem Gelände.
Eine solche kurze so genannte Chaos–Phase sei normal bei einem Einsatz dieser Dimension, erklärte Sascha Klein und Alexander Merk bei der anschließenden Manöverkritik. Der stellvertretende Wehrführer der Fehlheimer Wehr, Klein, und der Zugführer des dritten Zuges der Bensheimer Wehr, Merk, hatten das Szenario für die Grundschule gemeinsam konzipiert.
Kräfte werden gebündelt
Die Brandbekämpfer aus den westlichen Stadtteilen üben seit einigen Jahren immer wieder gemeinsam. Eine Praxis, die sich bewährt hat. Klein: „Es macht Sinn, unsere Kräfte zu bündeln.“ Und es macht Sinn, die Kollegen aus Bensheim mit ihrem umfangreichen Equipment hin und wieder mit einzubeziehen in einen derartigen Testlauf. „Das bringt allen Seiten etwas, es fördert die Zusammenarbeit, man lernt sich untereinander und die Arbeitsweisen der anderen kennen“, erläuterte Merk. „Man darf aber nicht erwarten, dass beim ersten Mal alles hundertprozentig läuft“, ergänzte der Bensheimer Zugführer.
Lief es auch nicht. So hatten die Bensheimer mit ihrem wuchtigen Drehleiter–Korb-Wagen (DLK) Schwierigkeiten, sich zwischen den vielen Feuerwehrwagen durchzuschlängeln zu ihrem Einsatzort an der nördlichen Seite des Schulhauses.
Die zentrale Kommunikation über den Einsatzleitwagen funktionierte ebenfalls nicht reibungslos. Und dass die Rettungstrupps die Fenster der Nordseite öffneten, damit der künstlich erzeugte Rauch bzw. Nebel aus dem Inneren des Gebäudes abziehen konnte, erschwerte dem DLK-Team seine Tätigkeit.
Abgesehen von diesen Punkten waren Klein und Merk im Großen und Ganzen einverstanden mit der Durchführung der Übung, bei der die Rettung der Menschen aus dem Gebäude im Vordergrund stand. Die Angriffstrupps „retteten“ fünf Dummys, die in verschiedenen Räumen bewegungslos im Erdgeschoss herumlagen.
Christine Marx, die echte, und die Schüler und Jugendlichen wurden mit Drehleiter und Korb aus dem ersten Stock gehievt und in Sicherheit gebracht. Zufrieden mit dem Ablauf war auch Einsatzleiter Rüdiger Lindner. Allerdings will er die Übungs-Gastrolle seine Frau zu Hause nochmals zum Thema machen. „Darüber wird zu diskutieren sein“, sagte er schmunzelnd nach dem Abpfiff.
Und wie war’s so, im ersten Stock auf die Rettungs zu warten? Ziemlich spannend, meinte Nicolai und Johannes. Vor allem am Anfang waren die beiden Viertklässler ziemlich aufgeregt. Anna, ebenfalls aus der vierten Klasse, verspürte bei Beginn der Übung ein „ richtiges Kribbeln im Bauch“.
Merkwürdig fand sie dem Moment, als die Feuerwehrmänner in voller Montur per Drehleiter plötzlich vor dem Fenster auftauchten. „Das war ein komisches Gefühl, aber vor Feuerwehrmännern muss man ja keine Angst haben.“
Christine Marx war überrascht, welche Auswirkungen der künstlichen Nebel im Klassenzimmer auf Sicht und Kommunikation hatte. „Man hat kaum noch etwas gesehen und ganz anders gehört. Das war realistisch und hat einem die Gefahr von Rauch bewusst gemacht.“