BOMBENENTSCHÄRFUNG: Nach 45 Minuten meldete der Kampfmittelräumdienst Vollzug / Evakuierung verlief ohne Probleme

Von unserem Redaktionsmitglied Dirk Rosenberger

SCHWANHEIM. René Bennert steht gelassen vor der Baugrube in der Schwanheimer Rathausstraße und beantwortet geduldig die Fragen der Journalisten. Dass er noch vor einer Dreiviertelstunde eine 130-Kilo-Bombe mit seinem Team entschärft hat, merkt man dem Experten vom Kampfmittelräumdienst nicht an.

„Angst haben wir nicht, aber Respekt. Man darf bei unserem Job nicht in Aufregung verfallen oder Panik kriegen“, erklärt Bennert, der seit 2014 für das Regierungspräsidium arbeitet. Beim RP in Darmstadt ist der Kampfmittelräumdienst Hessen angesiedelt. Die Entschärfung am Dienstagvormittag im Bensheimer Stadtteil war durchaus eine Herausforderung, erklärt er. Denn der Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg war eine amerikanische Splitterbombe. „Ein Exot – die sind nicht allzu oft abgeworfen worden“, bemerkt Bennert.

250 Haushalte betroffen

Der Sprengkörper verfügt über einen vorderen und hinteren mechanischen Zünder. Beim Aufprall hätte die Bombe eigentlich detonieren sollen. Das passierte zum Glück für die Schwanheimer nicht. 73 Jahre später beförderte ein Baggerfahrer am Montag den Metallbrocken wieder ans Tageslicht – und löste damit die erste Evakuierung eines Stadtteils in der jüngeren Bensheimer Geschichte aus. 1000 Personen mussten ihre Wohnungen verlassen, 250 Häuser waren – wie berichtet – betroffen.

Warum aus der tödlichen Fracht Jahrgang 1944/45 (tel:194445) ein Blindgänger wurde, konnte René Bennert noch an Ort und Stelle klären. Der vordere Zünder sei noch gesichert gewesen, was darauf zurückzuführen sei, dass die Bombe aus zu geringer Höhe abgeworfen wurde. Das stützt die Theorie, dass die US-Piloten damals nicht gezielt den Schwanheimer Ortskern bombardieren, sondern auf dem Heimweg von einem Angriff Ballast loswerden wollten.

Während der Fachmann vom RP dies nicht bestätigen will („es ist eine Mutmaßung, letztlich wissen wir nicht, was der Grund war“), hält Bürgermeister Rolf Richter die Erklärung für durchaus plausibel. „Hier gab es keine größeren Kampfhandlungen, im Ort keine Ziele oder Militäreinrichtungen.“

Unabhängig von den historischen Zusammenhängen löste der Blindgänger am Dienstag einen Großeinsatz mit 180 Kräften aus. Feuerwehr, DRK, Polizei, THW, DLRG und Mitarbeiter der Stadtverwaltung kümmerten sich um einen reibungslosen Ablauf. Zwei Stunden dauerte die  Evakuierung der Sperrzone. „Die meisten Häuser waren bereits verlassen, als wir kontrolliert haben“, sagte der städtische Pressesprecher Matthias Schaider.

THW sicherte ein Gebäude

Teams aus Polizei und Feuerwehr liefen durch die Straßen, klingelten an den Häusern und machten mit Lautsprecherdurchsagen auf die anstehende Räumung aufmerksam. Probleme habe es keine gegeben, so Schaider. Allerdings nahm der Transport von hilfsbedürftigen Menschen mehr Zeit in Anspruch. Elf Angehörige hatten sich bei der Stadtverwaltung gemeldet, zwei Pflegebedürftige mussten temporär ins Heilig-Geist-Hospital zur Betreuung gebracht werden. Acht Rollstuhlfahrer fuhren mit dem Rettungsdienst in die Weststadthalle, wo der Bürgerraum als Ausweichquartier diente.

„Eine Person war nicht transportfähig. Sie blieb im Haus, das THW brachte einen Splitterschutz am Fenster an“, teilte Rolf Richter mit. Um 9.45 Uhr war die Bahn frei für die Fachleute. Bevor sie zur Tat schreiten konnten, überprüfte eine Hubschrauberbesatzung der Polizei das Gebiet aus der Luft. Um kurz nach 11 Uhr begann die Entschärfung.

„Das hat alles super geklappt“, bilanzierte René Bennert. 45 Minuten dauerten die Arbeiten am Sprengkörper. Mit Raketenklemmen (pyrotechnisch angetriebenen Schraubvorrichtungen) konnten die Zünder unschädlich gemacht werden. „Ausgelöst werden die Klemmen mit einer Fernbedienung. Wir hatten eine geeignete Deckung in der Nähe.“ Wo sich die Experten versteckten, wollte Bennert nicht verraten. „Hinter dem Auto nicht, das hätte im Ernstfall nicht gereicht.“ Das THW hatte zudem eine acht Zentimeter dicke Splitterschutzwand um den Blindgänger aufgebaut.

„Sehr aggressive Version“

So verlief der Einsatz schulbuchmäßig, böse Überraschungen blieben aus. Von Routine wollte der Feuerwerker jedoch nicht sprechen. „Das kann tödlich enden. Wenn sich Routine einstellt, macht man Fehler“, verdeutlichte er. Zumal die Kampfmittelräumer nicht allzu oft mit einer Splitterbombe konfrontiert werden. Das Schwanheimer Exemplar verfügte über 20 Kilo Sprengstoff (Bennert: „eine sehr aggressive Version, ein TNT-Gemisch“), der Rest bestand aus Ummantelung und den deutlich sichtbaren Metallstiften, die bei der Detonation in alle Richtungen geflogen wären.

30 bis 40 Einsätze im Jahr

Für Bennert war am Dienstagmittag zwar Feierabend, der nächste Auftrag dürfte aber nicht allzu lange auf sich warten lassen. 30 bis 40 Einsätze verzeichnet der hessische Kampfmittelräumdienst  durchschnittlich im Jahr. Wie viele Bomben er selbst schon entschärft hat, konnte der 41-Jährige nicht sagen. Er habe sie nicht gezählt. Angefangen hat seine berufliche Karriere bereits 1999 bei der Bundeswehr, mit der er auch ein Jahr in Afghanistan stationiert war.

Das explosive Fundstück aus der Baugrube wurde gestern in ein Zwischenlager gebracht. Endstation ist dann ein Zerlegebetrieb, in dem der Sprengstoff verbrannt wird.

Den Schwanheimern dürfte das relativ egal sein. Ab 12.30 Uhr kehrte wieder Leben in den Ort zurück, der vorher in der Tat einer kleinen Geisterstadt glich. „So ruhig war es hier noch nie“, kommentierte ein älterer Mann.

 

Keinen aus dem Bett geklingelt

  • Bürgermeister Rolf Richter bedankte sich bei den vielen – zumeist ehrenamtlichen – Einsatzkräften für ihr Engagement. Das Gros der Helfer stellten seiner Auskunft nach die Feuerwehren.
  • Der Rathauschef lobte den reibungslosen Ablauf. Ausgezahlt hätte sich einmal mehr, dass der
    Feuerwehrstützpunkt seit dem Hessentag 2014 als Einsatzleitzentrale fungieren kann. Dort laufen
    organisatorisch und technisch alle Fäden zusammen.
  • Am Montag um 11.20 Uhr sei im Rathaus die erste Meldung bezüglich des Bombenfunds
    aufgeschlagen. Knapp drei Stunden später saßen 20 Mann zu einer ersten Lagebesprechung
    zusammen. Danach habe man einen Stab bei der Feuerwehr eingerichtet.
  • Gegen 17 Uhr begann in Schwanheim die Verteilung der Flugblätter an die betroffenen Haushalte
    – unter tätiger Mithilfe der Schwanheimer Feuerwehr.
  • Die Evakuierung ab 7.30 Uhr am Dienstag verlief in geordneten Bahnen . Laut Richter musste
    auch niemand aus dem Bett geklingelt werden. „Das ist der Vorteil eines kleinen Ortes, da kriegt
    es eigentlich jeder mit.“
  • Das bestätigte auch Ortsvorsteher Gerald Kunzelmann , der ebenfalls die Einsatzbereitschaft der
    Rettungskräfte und die Geduld der Schwanheimer hervorhob.
  • Kurz nach Beginn der Entschärfung war – wie angekündigt – ein böllerähnlicher Knall zu hören,
    als der erste Zünder gesprengt wurde. Beim zweiten Zünder fiel der Knall deutlich leiser aus.
  • Zu größeren Verkehrsbehinderungen kam es gestern durch die Sperrung des Ortes nach Auskunft
    der Polizei nicht. „Die Verkehrsteilnehmer hatten sich gut auf die Situation eingestellt “,
    sagte eine Sprecherin.
  • Die Schwanheimer Kita-Kinder konnten am Dienstag nicht in ihre Container am
    Dorfgemeinschaftshaus. Sie fanden mit ihren Erzieherinnen am Vormittag in Fehlheim Unterschlupf – allerdings nicht wie geplant im dortigen Dorfgemeinschaftshaus.
  • Weil es in den Räumlichkeiten offenbar zu kalt war, durften sie in der benachbarten Fehlheimer
    Kita spielen.
  • Neben dem Feuerwehrstützpunkt diente der Segelflugplatz mit seinem Hauptgebäude zwischen
    Schwanheim und Bensheim als weitere Einsatzzentrale.
  • Die Kosten teilen sich Land und Stadt . Das Land zahlt für die Räumung, die Kommune muss für
    den Rest aufkommen. Wie hoch die Ausgaben waren, konnte Bürgermeister Richter nicht
    beziffern. (dr)

© Bergsträßer Anzeiger, Mittwoch, 28.11.2018

© Bild: Neu – Diese 130 Kilogramm schwere Splitterbombe wurde im Zweiten Weltkrieg von amerikanischen Piloten über Schwanheim abgeworfen. Der Sprengkörper detonierte beim Aufprall
nicht. Am Dienstagvormittag wurde der Blindgänger vom Kampfmittelräumdienst entschärft.

Originalbericht: https://www.morgenweb.de/bergstraesser-anzeiger_artikel,-bensheim-exotischer-blindgaenger-in-der-baugrube-_arid,1359156.html