Großübung: Rettungskräfte aus der Region testen Einsatzbereitschaft für den Hessentag / „Busunfall“ mit 50 Verletzten
Bensheim. Im ersten Moment lässt sich eine leichte Gänsehaut nicht vermeiden. Am Straßenrand sitzt eine junge Frau, am Kopf eine vermeintlich klaffende Platzwunde. Ein paar Meter weiter plaudert ein Jugendlicher mit mutmaßlich fieser Armverletzung entspannt mit einem Mann, der ebenfalls aus einem Horrorfilm entsprungen scheint.
Es ist ein düsteres Szenario am Samstagnachmittag an der Hartbrücke in Bensheim. Ein Kleinwagen hat sich frontal unter einen voll besetzten Linienbus geschoben, der wiederum in der Leitplanke hängt. Gegen die Rückseite des Busses ist ein zweiter Wagen geknallt. Durch die Wucht des Aufpralls hat es das Fahrzeug auf die Leitplanke gehoben. Zwei weitere Pkw sind auf die Autos aufgefahren. „Ziemlich realistisch. Und ein bisschen gruselig“, kommentiert ein Augenzeuge.
„Massenanfall von Verletzten“ lautet im Fachjargon die Diagnose. Um ihr Einsatzkonzept für den Hessentag zu testen, hielten die Verantwortlichen am Samstag eine Großübung ab, die ihrem Namen in der Tat alle Ehre macht. Aus dem zurzeit gesperrten Streckenabschnitt An der Hartbrücke zwischen Westtangente und ADAC-Verkehrsübungsplatz konnte die Katastrophe praxisnah inszeniert werden.
Der „Mimtrupp“ des Deutschen Roten Kreuzes hatte es mit jeder Menge Schminke, Kunstblut und sonstigen Utensilien geschafft, die 50 Personen in zum Teil lebensgefährlich verletzte Unfallopfer zu verwandeln. Jeder hatte seine Aufgabe, andere Beschwerden oder ein dünneres Nervenkostüm.
Vor der Alarmierung wurden sie mit klaren Anweisungen auf die Fahrzeuge verteilt. „Dir wird immer wieder schwindelig. Du läufst hysterisch herum und willst Dich nicht hinlegen. Laut schreien, wenn die kommen.“ Ein besseres Drehbuch hätte eine Nachwuchsschauspieltruppe auch nicht schreiben und umsetzen können.
Nachdem der Notruf abgesetzt war, ging alles ganz schnell. Feuerwehr und Rettungsdienste rückten an. Für die Helfer keine Übung wie jede andere. Aber genau darauf kam es schließlich an. Abläufe sollten getestet, das Zusammenspiel der einzelnen Kräfte optimiert werden. „Wir haben ein in sich geschlossenes Sicherheitskonzept für den Hessentag. Das kann man hier sehen“, erklärte Bürgermeister Thorsten Herrmann, der es sich nicht nehmen ließ, die Vorstellung zu verfolgen.
Im Ernstfall gibt es keinen Spielraum für Unsicherheiten und Lücken im Ablauf. Die Planung fängt schon beim Parken an. Wie müssen die Fahrzeuge abgestellt werden, damit ein schneller Zugriff möglich ist, aber kein Stau provoziert wird? Auch das muss geregelt sein und wurde am Samstag überzeugend umgesetzt. Eine entscheidende Aufgabe kam den ersten Sanitätskräften vor Ort zu. Sie erkundeten die Lage und klassifizierten über farbige Bänder die Verletzten, damit die nachrückenden Retter sofort einen Überblick bekamen.
In der Praxis heißt das: Wer ein rotes Armbändchen trägt, ist in Lebensgefahr. Gelb steht für weniger schwere Verletzungen, grün für leichte Blessuren oder Glück im Unglück. Allzu viele grüne Kandidaten gab es bei der Übung allerdings nicht. Für die meisten sah es übel aus, was sie auch entsprechend kundtaten. Die Helfer fanden weinende, schreiende, um Hilfe rufende Menschen vor, die zum Teil panisch an die Scheibe des Linienbusses klopften. Denn der hatte sich in eine Falle verwandelt. Der Ausgang war blockiert, der Busfahrer nicht unbedingt mehr ansprechbar.
Der Feuerwehr fiel die Aufgabe zu, die Eingesperrten und Eingeklemmten zu befreien. Mit Spreizer und Schere rückten sie ebenso wie die Kollegen des THW an und zerlegten die ohnehin schon schrottreifen Autos. Aus einem alten Peugeot wurde innerhalb weniger Minuten ein fahruntüchtiges Cabrio.
Komplizierter gestaltete sich das Vorhaben beim Bus. Zunächst musste eine Scheibe eingeschlagen werden, dann kam eine Rettungsplattform zum Einsatz. Mit der Konstruktion gelangten die Männer auf Fensterhöhe und konnten mit der Bergung beginnen. Sammelplätze wurden eingerichtet, um die Verletzten zu versorgen oder gleich ins Krankenhaus zu bringen.
„Im Ernstfall hätten wir bei einer solchen Lage Rettungshubschrauber angefordert“, erklärte Thomas Schuster, Sachgebietsleiter Rettungsdienst beim Kreis. Gemeinsam mit Stadtbrandinspektor Willi Plaschke stand er den Zaungästen aus Politik und Verwaltung sowie den Medienvertretern Rede und Antwort.
Fast zwei Stunden dauerte der Massenauflauf, der letztlich zeigte, dass die gut ausgebildeten Einsatzkräfte aus der Region auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein scheinen.
250 Einsatzkräfte aus mehreren Landkreisen
250 Einsatzkräfte mit 40 Fahrzeugen waren am Samstag an der Großübung in Bensheim beteiligt. Getestet und demonstriert wurde nicht nur die Schlagkraft am Unfallort, sondern auch die Vernetzung mit dem Führungsstab und der Leitstelle Hessentag, die im Stützpunkt der Feuerwehr eingerichtet wird.
An der Übung nahmen teil: Die Feuerwehren aus Bensheim und Auerbach, das THW Bensheim, Deutsches Rotes Kreuz, Johanniter-Unfallhilfe, Malteser Hilfsdienst, Arbeiter-Samariter-Bund – aus den Kreisen Bergstraße, Darmstadt-Dieburg, Rhein-Neckar-Kreis sowie Darmstadt.
Dazu kommen Schnelleinsatzgruppen des DRK und der Johanniter aus Weinheim und Mannheim, das DLRG als Bestandteil der Unfallhilfestellen beim Hessentag, die Notfallseelsorge und die „Realistische Unfalldarstellung Kreis Bergstraße“ (DRK) mit externer Unterstützung aus Nachbarbereichen.
Der Bus und die vier Autos hatten übrigens schon vor der Übung ausgedient. Der Einsatz am Samstag dürfte ihr letzter gewesen sein. dr
© Bergsträßer Anzeiger, Montag, 19.05.2014