INSPEKTIONSÜBUNG: Große Rettungsaktion der Feuerwehr in der Bensheimer Innenstadt erfolgreich abgeschlossen
BENSHEIM. Sogenannte Gaffer sind ja nun wirklich das Hinterletzte. Sensationsgierige Schaulustige, die Einsatzkräfte behindern und Notfälle teilnahmslos mit dem Handy filmen. In der Bensheimer Innenstadt waren Zuschauen und Fotos am Samstag aber ausdrücklich erlaubt. Denn alle zwei Jahre tritt die Freiwillige Feuerwehr Mitte zu einer Inspektionsübung an. Diesmal direkt am Marktplatz. Vor großer Publikumskulisse. Manche haben auch geklatscht.
Die Öffentlichkeit als Augenzeuge: Das Szenario am Nachmittag hat gezeigt, dass die lokale Wehr auch komplexe Herausforderungen bewältigen kann. „Gott sei Dank, dass wir die haben“, so der Kommentar eines Zuschauers, der voll ins Schwarze traf. Wer sonst sollte in Drehleitern über 20 Meter hoch über Hausdächern nach dem Rechten sehen, breite Einsatzfahrzeuge über die Mittelbrücke bugsieren und „Verletzte“ sicher aus brennenden Wohnungen bergen? Eben!
70 Rettungskräfte im Einsatz
Unter den fachkundigen Beobachtern war die Spitze der Bergsträßer Brandschutzszene, flankiert von Stadtbrandinspektor Jens-Peter Karn, seinem Vorgänger Willi Plaschke sowie Bürgermeister Rolf Richter und Stadtverordnetenvorsteherin Christine Deppert.
Einsatzleiter Alexander Merk hatte die Kiste zu koordinieren: 45 Kameraden von der Feuerwehr Bensheim-Mitte, plus 15 Helfer aus Lorsch und zehn Kollegen vom Deutschen Roten Kreuz, die insgesamt sieben Personen medizinisch versorgt haben. Michael Arnold und sein Team arbeiteten Hand in Hand mit den Brandschützern. Blau und Weiß, das hat gepasst. „Eine Oberschenkelfraktur und mehrere Rauchgasvergiftungen“, kommentierte Arnold kurz vor Schluss. Alle eingeschlossenen Personen waren schnell „außer Lebensgefahr“. Junge Feuerwehrleute spielten die Opfer. Für eine Statistenrolle im „Tatort“ hätte das locker gereicht.
15.30 Uhr. Sirenen im Stadtgebiet. Zweimal unterbrochener Dauerton, etwa eine Minute lang. Insider wussten sofort, was nun zu tun ist. Die Leistelle hatte sozusagen in der Zielgruppe getwittert. Nach wenigen Minuten rollten die ersten Einsatzfahrzeuge auf den Marktplatz. Ein Brand durch Bauarbeiten im ersten Obergeschoss. Merk hatte mehrere Abschnittsleiter zu koordinieren, die sich in zwei Truppen – Norden und Osten – aufgeteilt haben. Zielort war das ehemalige Kaufhaus Krämer, Ecke Haupt- und Bahnhofstraße. Ein kompaktes Ensemble in der City, mit kleinem Innenhof im ersten OG, engem Treppenhaus und logistisch anspruchsvoller Situation. Zu- und Abfahrten mussten klar geregelt sein, um Staus zu vermeiden. Das hätte kostbare Zeit gekostet.
Im Einsatzleitwagen sitzt Dietrich Fährmann. Er dokumentiert jede Bewegung der Trupps in Echtzeit und ist Umschlagplatz für relevante Informationen den Einsatz betreffend. Die Finger huschen über die Tastatur, die Augen fokussieren den Bildschirm, die Ohren hängen am Funk.
Gleich kommen die Kameraden aus Lorsch mit einem Hubsteiger über die obere Bahnhofstraße, während die Bensheimer vom Marktplatz aus mit der Drehleiter Personen aus den oberen Etagen retten. Ein Sprungkissen steht bereit, ist binnen Sekunden aufgeblasen. Gleichzeitig rollen die Experten von der Atem- und Strahlenschutztruppe über das Kopfsteinpflaster am Sankt-Georgs- Brunnen. Ein Feuerwehrmann aus der Partnerstadt Mohács nickt anerkennend. „Das läuft.“
Zaungäste sind zufrieden
Neben den Ungarn verfolgen auch die Freunde aus Beaune das Geschehen. „Die Feuerwehr macht nicht an Landesgrenzen Halt“, kommentiert Alexander Merk am Leitwagen. Miteinander agieren, voneinander lernen. „Und? Seid ihr zufrieden?“, fragt der Wehrführer und Vorsitzende Hans Förg die ungarischen Kameraden an der Bahnhofstraße. Lächeln, nicken. Beim Kameradschaftsabend vier Stunden später werden sie nicht nur über die Übung plaudern. Man kennt sich. Nicht nur in Uniform.
Um 16.03 Uhr kommt die Meldung „Feuer gelöscht!“ Im Gebäude konnten keine weiteren Personen geortet werden. „Bei einem MANV hätten wir noch mehr Helfer alarmiert“, erklärt Michael Arnold vom DRK. Wie bitte? Als „Massenanfall von Verletzten“ bezeichnen Rettungsdienste eine Situation, bei der mit einer großen Zahl von Notfallpatienten zu rechnen ist.
Diese Situation tritt zum Beispiel bei Eisenbahnunglücken, Bombenattentaten, Lebensmittelvergiftungen oder Flugzeugabstürzen ein. Dabei stößt der reguläre Rettungsdienst einer Region sehr schnell an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit. Das heißt: Überregionale Verstärkung muss her. Bei einem MANV wird versucht, die verschiedenen Rettungskräfte nach einem einheitlichen Schema in den Einsatz einzubinden und eine organisierte Struktur vor Ort möglichst schnell aufzubauen. Dazu werden in der Nähe der Unglücksstelle eine Sammelstelle für Verletzte sowie Behandlungsplätze und ein Bereitstellungsraum für Rettungsmittel eingerichtet. Und einiges mehr. Aber nicht an diesem Tag. Das ist nur eine Übung. „Im Ernstfall wären wir weitaus mehr“, so Arnold zum BA.
Schweres Gerät
Die Zuschauer verlassen den Marktplatz. Erfahrene Feuerwehrleute besprechen die Inspektion. Schweres Gerät verlässt die Innenstadt, das Flatterband wird eingerollt. Die letzten kleinen Rauchwolken zappeln aus dem Obergeschoss des Hauses, das früher einmal Kaufhaus Krämer hieß. Hätte es hier richtig gebrannt, wäre es kaum anders abgelaufen. Bis auf die Zuschauer. Die hätten so nah auf keinen Fall herangedurft.
von Thomas Tritsch
© Bild: Funck
Originalbericht: https://www.morgenweb.de/bergstraesser-anzeiger_artikel,-bensheim-lebensgefahr-in-den-oberen-etagen-_arid,1341324.html