Großübung: Bensheimer Rettungsorganisationen proben den Ernstfall / Crash in schwer zugänglichem Gelände bei Hochstädten angenommen
BENSHEIM. Über 200 Einsatzkräfte, drei Tote, 18 Verletzte, 25 Fahrzeuge und zwei Hubschrauber. Und eine logistische wie technische Herausforderung, die in Zahlen nicht beschreibbar ist. Es war die bislang größte Sicherheitsübung der Bensheimer Hilfsorganisationen, die in der Region bislang stattgefunden hat. Fazit nach sieben Stunden: Gut gelaufen, viel gelernt.
Drehbuch nur wenigen bekannt
Trotz einem halben Jahr Vorbereitungszeit ist wenig nach außen gedrungen. Das detaillierte Szenario war geheime Kommandosache. Bekannt war nur, dass es einen Großbrand in einem Wald bei Schönberg geben wird. Konzipiert wurde der Notfall am „Runden Tisch der Bensheimer Hilfsorganisationen“.
Das Drehbuch war nur wenigen bekannt. Unter anderem Jens-Peter Karn. „Wir wollten Mensch und Gerät einem echten Stresstest ausliefern“, sagt der Bensheimer Stadtbrandinspektor im Feuerwehrstützpunkt. Karn ergänzt: „Wir wollten Schwierigkeiten provozieren!“ Mit Erfolg.
An der Robert-Bosch-Straße laufen alle Fäden zusammen. Der Digitalfunk glüht. Auf den Monitoren zeichnet sich die Lage ab. Konzentrierte Gesichter hinter Laptops. Freiwillige Feuerwehr, Rotes Kreuz, Technisches Hilfswerk. Mit dabei Ullrich Michel – THW-Ortsbeauftragter und einer der Drahtzieher der Katastrophe.
Drahtzieher der Katastrophe
Auch die Bensheimer Stadtverwaltung ist samt Pressestelle anwesend. „Wäre das real, würden wir über die Medien laufend über Aktuelles informieren“, so der zuständige Mann für Öffentlichkeitsarbeit, Matthias Schaider. Als zuständiger Dezernent pendelt Bürgermeister Rolf Richter zwischen Kommandozentrale und Unfallort. Sein Amt hat ihn zum Einsatzleiter gemacht. Das Handy klebt am Ohr. Mobilfunk aus Hochstädten ist nicht einfach. Richters Netz kommt durch.
Was war passiert? Über einem Waldstück bei Hochstädten südlich des hinteren Weiherwegs sind zwei Kleinflugzeuge kollidiert und abgestürzt. Der Crash hat einen Waldbrand verursacht. Die Piloten sind sofort tot.
18 Verletzte warten auf Hilfe: Darunter Wanderer und einige Biker von der nahegelegenen Mountainbikestrecke „Fuchstrail“. Eine Schulklasse auf einem Wochenendausflug wurde durch den Unfall in Panik versetzt. 21 Kinder sind in alle Richtungen verstreut. Dennoch: Kein Grund zur Beunruhigung. Alles fiktiv. Ein Trainingsprogramm. Aber maximal real.
Gegen halb zehn Uhr ertönt der Alarm. Die Akteure rücken aus. Darunter auch die DLRG, Hessen Forst, die Notfallseelsorge und die Rettungshundestaffel. Auch sie suchen nach Vermissten. Zusätzliches Problem: Die Kinder sprechen kaum bis gar nicht Deutsch. Es handelt sich um eine Klasse mit ausländischen Schülern. Sprachbarrieren kommen also noch dazu.
Mit schwerem Gerät hinauf
Vom Marmoritgelände geht es mit schwerem Gerät und einer Menge Ausrüstung den Berg hinauf. Vor Ort wird der Einsatz von Karns Stellvertreter Thomas Strößinger koordiniert.
Das Feuer droht zu wachsen. Zwei Hubschrauber holen Wasser vom Niederwaldsee, um den Flächenbrand unter Kontrolle zu halten. Allein dort sind 25 Köpfe stationiert. Und in Hochstädten wackelt so mancher Vorhang hinterm Fenster: Was ist da los? Stand in der Zeitung. „Wir haben immer ein paar Anrufe von besorgten Bürgern“, so der Bensheimer Wehrführer Hans Förg.
„Es war wichtig, dass wir bei null starten.“ Förg meint, dass es die Kollegen praktisch kalt erwischt hat. Im Stützpunkt musste binnen kürzester Zeit eine Kommunikationsdrehscheibe aufgebaut und betrieben werden. Auch das gehört dazu. Ein Notfall ist ein dynamischer Prozess, bei dem die Karten laufend neu gemischt werden. „Wir müssen immer in Kontakt bleiben“, so Jens-Peter Karn, der von „Funkstress“ spricht. Die neuen digitalen Geräte werden heute auf Herz und Nieren getestet. Mehr geht nicht.
Bereits zwei Stunden vor Übungsende betont Karn die beiden elementaren Erkenntnisse des Tages: Ohne eine professionelle Kommunikation und ineinandergreifende Schnittstellen in der Einsatzorganisation ist ein solcher Großeinsatz kaum erfolgreich zu schultern. Wenn es hinter den Kulissen nicht läuft, nützt an der Front die beste Ausbildung wenig. Kurz: Das Hochfahren der Zentrale in Echtzeit ist die erste und eine der wichtigsten Hürden des Tages.
Wrackteile liegen im Wald
Im Wald liegen Wrackteile. Es raucht. Mehre Beobachter verfolgen das Geschehen, um hinterher ihr Feedback zu geben. Um 13.30 Uhr wird über Funk der dritte Tote bestätigt. Stadtrat Adil Oyan ist bereits beim THW-Ortsverband an der Lahnstraße angekommen, als die Kinder der Schulklasse nacheinander dort eintreffen. Die Mädchen und Jungen werden registriert und versorgt. Vom Kreis Bergstraße ist das Team Gefahrenabwehr mit Leiter Wolfgang Müller und seinem Stellvertreter Heribert Koob in Bensheim dabei. Auch Landrat Christian Engelhardt verschafft sich ein Bild von der Lage.
In der Zentrale beginnt eine fiktive Pressekonferenz. „Im Ernstfall müssten wir uns um mindestens 50 Reporter, Fotografen und Kamerateams kümmern“, sagt Matthias Schaider.
© Bergsträßer Anzeiger, Montag, 31.10.2016